Über
islamische Solidarität und jüdische Alpträume
Was
hat der Wiener Gemeinderat mit Gaza zu tun?
Ein
Streitgespräch zwischen Peter Menasse und Omar
Al-Rawi
Von
Walter Hämmerle
Sind Migranten
anfällig für Antisemitismus?
"Wiener Zeitung":
Spätestens seit der Resolution des Wiener
Gemeinderats zu Israels gewaltsamen Vorgehen
gegen eine Gaza-Hilfsflotte ist das Verhältnis
zwischen Islamischer Glaubensgemeinschaft und
Israelitischer Kultusgemeinde auf einem
Tiefpunkt angelangt. Die IKG wirft Ihnen, Herr
Al-Rawi, eine ‚hetzerische Politik‘ wegen Ihrer
Kritik an Israel vor. Zu Recht?
Omar
Al-Rawi: Dieser
Vorwurf tut weh, weil jeder, der mich kennt,
weiß, dass ich stets für einen friedlichen
Dialog eintrete. Ich kann diese Kritik nicht
nachvollziehen und weise sie zurück.
Peter
Menasse: Ich
spreche nicht für die Kultusgemeinde, bin noch
nicht einmal Mitglied, aber uns – und hier
spreche ich für die jüdische Zeitschrift "Nu" –
hat dieser Gemeinderatsbeschluss doch ziemlich
verblüfft. Das ist keine Sache, die Herrn
Al-Rawi alleine angeht, das betrifft den
gesamten Wiener Gemeinderat. Dieser ist nach
unserem Verständnis einfach kein Organ der
Außenpolitik und tatsächlich mischt er sich in
diese auch fast nie ein, außer eben, wenn es
gegen Israel geht. Das ist ein Problem.
Al-Rawi:
Natürlich stimmt, dass der Gemeinderat keine
außenpolitische Kompetenz besitzt. Er hat in den
letzten Jahren aber immer wieder – nicht oft,
aber doch – die Bundesregierung oder die EU
aufgefordert, Stellung zu beziehen. So haben wir
die Aussagen des iranischen Staatschefs
Ahmadinejad zum Existenzrecht Israels genauso
verurteilt wie den Angriff auf den Irak oder die
Kurden-Frage thematisiert. Israel hat es jetzt
erstmals betroffen.
Menasse: Mir geht
es um die Verhältnismäßigkeit dieser Resolution:
Mittlerweile liegen ja Analysen der Vorgänge
vor. Diese zeigen, dass eine türkische
Organisation auf dem Boot das Kommando
übernommen und sich, wenn auch vielleicht
unzulänglich, bewaffnet hat. Israel hat die
Soldaten offensichtlich schlecht vorbereitet.
Diese wurden von der Gruppe an Bord attackiert –
so ist es offensichtlich zu dieser
bedauernswerten Überreaktion gekommen. Und das
ist dem Gemeinderat einen Beschluss wert, wenn
gleichzeitig zehntausende Usbeken in Kirgistan
massakriert und zahllose Kurden in der Türkei
unterdrückt werden? Selbstverständlich ist
dieser Vorfall zu verurteilen, aber die Leute
auf dem Schiff waren ganz sicher keine
anständigen Menschen, die dem Frieden dienen
wollten. Der Gemeinderat wäre gut beraten
einzugestehen, dass er überreagiert hat.
Al-Rawi: Ein
Vertreter der deutschen Linkspartei, Norman
Paech, der mit auf dem Schiff war, schwört, dass
es keine Bewaffnung gegeben habe. Zwar sagt er
auch, dass er verletzte israelische Soldaten
gesehen habe, aber meiner Meinung nach
rechtfertigt auch Widerstand nicht, dass neun
Menschen erschossen werden. Die Israelis haben
leider Bildmaterial konfisziert. Und: Diese
Menschen waren sehr wohl anständig.
Menasse: Wir
reden hier als Bürger eines Rechtsstaates. In
diesem einen Fall steht Aussage gegen Aussage.
Angesichts dessen muss man einfach mit kühlerem
Kopf an so eine Sache herangehen und nicht schon
am nächsten Tag verurteilende Beschlüsse fassen
und dann auch noch zu Demonstrationen aufrufen.
Ich sage Ihnen etwas: Junge türkische Leute, die
in Österreich sicher kein leichtes Leben haben,
weil sie oft nicht akzeptiert und frustriert
sind – diese Jugendlichen werden durch
Demonstrationen dieser Art verführt zu glauben,
ihr Leben wäre besser, wenn sie in Österreich
Juden angreifen. Es ist absurd, wenn türkische
Jugendliche meinen, die Juden wären ihre Feinde
und Heinz-Christian Strache und Konsorten ihre
Freunde. Das ist doch ein wirklicher Jammer.
Statt zu streiten, müssten wir gemeinsam
demonstrieren gegen all jene, die uns Juden und
Ihre Muslime nicht als vollwertige Menschen
sehen. Uns verbindet mehr, als uns trennt, und
das müssen wir auch den gefährdeten Jugendlichen
beibringen.
Al-Rawi: Da bin
ich voll bei Ihnen. Uns trennt die Einschätzung
des Nahost-Konfliktes, aber ansonsten haben wir
die gleichen Sorgen und Gegner. Wir Muslime
haben auch die klare Haltung der Kultusgemeinde
zu Fragen wie Minarett- oder Kopftuch-Verbot
geschätzt. Antisemitismus ist durch nichts zu
rechtfertigen.
Menasse: Sie,
Herr Al-Rawi, haben allerdings bei einer
Demonstration mitgemacht, bei der es zu
antisemitischen Ausfällen gekommen ist. Ich
weiß, dass Sie diese Leute nicht eingeladen
haben, aber ich an Ihrer Stelle wäre
heimgegangen, wenn es zu solchen Vorfällen
kommt.
Al-Rawi: Ich
bitte Sie, hier genau zu unterscheiden: Es hat
eine unangemeldete Demonstration gegeben. Bei
dieser wurden Scheiben an einem Haus, aus dem
die israelische Flagge hing, eingeschlagen, und
auch dieses unselige Plakat mit dem Slogan
"Hitler wach auf" hochgehalten. Aber da war ich
nicht dabei. Bei der angemeldeten Demonstration
Tage später, bei der ich und andere geredet
haben, ist es zu keinen antisemitischen
Ausfällen gekommen.
Zur angemeldeten
Demonstration haben Gruppen aufgerufen, die
ansonsten wenig bis nichts miteinander gemeinsam
haben. Vereint die Kritik an Israel?
Al-Rawi: Was
vereint, ist die Solidarität mit den
Palästinensern, nicht die Kritik an Israel. Die
türkische Seele hat in diesen Tagen gekocht,
weil die Gaza-Hilfsflotte unter türkischer
Flagge fuhr und alle neun Toten türkische Bürger
waren beziehungsweise aus der Türkei stammten.
Menasse: Diese
Demonstranten, waren das Türken oder
Österreicher?
Al-Rawi: Na, die
Staatsbürgerschaft der Teilnehmer habe ich
natürlich nicht überprüft .. .
Menasse: Worauf
ich hinaus will, ist: Wir leben in einem Land
mit ganz eigener Geschichte. Es ist nicht zu
leugnen, dass in Österreich
Anti-Israel-Positionen als Code für
Antisemitismus verwendet werden – natürlich
nicht immer, aber doch sehr oft. Ich rede jetzt
nicht von Muslimen, sondern von den
Ewiggestrigen. Deshalb müssen wir mit so großer
Sensibilität an alle Fragen herangehen, die
Israel betreffen. Sie haben es als Gemeinderat
mit Ihren Genossen immerhin geschafft, einen
Gemeinderatsbeschluss zusammenzubringen. Warum
müssen Sie dann auch noch zu einer Demonstration
gegen Israel aufrufen? Eine Demonstration ist ja
schon per se ein kämpferisches Mittel. Warum
haben Sie nicht gemeinsam mit Juden zu einem
Friedensmarsch mit Lichterkette aufgerufen oder
für eine gemeinsame Aktion für ein besseres
Österreich?
Al-Rawi: Das
können wir gerne tun. Sie übersehen aber, dass
es sich bei Demonstrationen um ein
demokratisches Grundrecht handelt. Selbst wenn
man selbst keine organisiert, heißt das längst
nicht, dass nicht andere die Lücke füllen – das
ist ja auch tatsächlich geschehen. Und noch
einmal: Auf der angemeldeten Demonstration, bei
der ich war, ist nachweislich alles korrekt
verlaufen. Aber wir vergessen bei dieser Debatte
etwas Wichtiges: Was das friedliche Miteinander
– auch zwischen Juden und Moslems – angeht, sind
wir in Österreich einsame Spitze. Wir haben Gott
sei Dank keine französischen Verhältnisse, auch
keine britischen oder italienischen. Hier
funktionieren Dialog und freundschaftliche
Kontakte in der Regel ausgezeichnet, das ist
nicht selbstverständlich
.
Wie viel Kritik an
Israel ist zulässig, ohne die Grenze zum
Antisemitismus zu überschreiten?
Menasse: Jede
Kritik ist legitim, man muss nur bedenken, in
welchem Kontext dies geschieht und wie
berechtigt sie überhaupt ist. Natürlich ist der
Vorfall auf dem Schiff ein Akt, der kritisiert
werden kann, aber er hatte niemals die
Dimension, die zu einem Gemeinderatsbeschluss
den Anlass hätte geben dürfen. Das gilt auch für
die Demonstrationen, wo dann Glatzen
mitmarschiert sind.
Al-Rawi: Noch
einmal: Bei unserer Demonstration gab es weder
Neonazis noch Glatzen, und Antisemiten sind
nicht willkommen.
Menasse: Aber sie
sind mitmarschiert: Sag mir, wer deine Freunde
sind, und ich sage dir, wer du bist. Sie haben
jetzt ein Problem, weil Sie die falschen Freunde
haben. Das ist eine ganz wunderliche Koalition
aus Links- und Rechtsextremen.
Al-Rawi: Glauben
Sie mir, diese Leute waren nicht dabei.
Menasse: Für
Juden, die hier leben, gibt es zwei Bilder. Das
eine ist: Wenn in der Islamischen
Glaubensgemeinschaft Wahlen anstehen, dann
ändert sich das Verhalten .. .
Al-Rawi: Das
stimmt nicht.
Menasse:...und
wenn am 10. Oktober in Wien Gemeinderatswahlen
sind, dann vergleichen sämtliche Parteien die
Zahl der potenziellen türkisch-stämmigen Wähler
mit der Zahl möglicher jüdischer Wähler. Da
ziehen die Juden klar den Kürzeren und deshalb
sind im Gemeinderat alle, ausnahmslos alle
Parteien aufgestanden. Für mich haben Sie mit
dieser Aktion der SPÖ einen Bärendienst
erwiesen, weil das einfach keine
sozialdemokratischen Positionen sind, die Sie
vertreten.
Würden Sie, nachdem
klar ist, zu welchen negativen Reaktionen dieser
Beschluss geführt hat, wieder die Initiative zu
einer solchen Aktion des Gemeinderats ergreifen?
Al-Rawi: Ich sehe
an dieser Resolution auch heute nichts Falsches.
Menasse: Von
einem bin ich überzeugt: Am 11. Oktober, am Tag
nach der Wien-Wahl, wäre diese Resolution nicht
beschlossen worden, dahinter steckten rein
wahltaktische Motive aller Beteiligten.
Al-Rawi: Nein,
dafür lege ich die Hand ins Feuer. So
wirkungsvoll ist eine Resolution in
außenpolitischen Fragen dann auch nicht. Die
meisten Wähler haben das gar nicht mitbekommen.
Menasse: Warum
ist es dann überhaupt dazu gekommen? Sie und
alle anderen haben dabei auf die Wähler
geschielt.
Al-Rawi: Weil
eine gerechte und friedliche Lösung für Nahost
alle angeht. Das Entern der Schiffe hat dazu
nicht beigetragen.
Viele christliche
Österreicher stehen der starken muslimisch
geprägten Zuwanderung mit einem skeptischen
Bauchgefühl gegenüber. Wie ist das bei den
Juden?
Menasse: Diese
Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, ich weiß
es nicht. Selbst bei den wenigen hier lebenden
Juden gibt es so viele verschiedene Gruppen: Es
gibt Religiöse, die sehr eng miteinander leben,
keine Zeitungen lesen und deshalb auch gar keine
Außensicht auf die Gesellschaft haben, die sie
umgibt. Dann gibt es eher säkulare Juden wie
mich, die voll integriert sind und Minderheiten
eher als die Nachfolger ihrer eigenen einstigen
Probleme sehen. Ein Jude, der seine Geschichte
kennt, steht stets auf Seiten der Migranten.
Dann will man aber natürlich nicht von
Migranten-Kids attackiert werden und hören "Ich
hasse alle Juden".
Diesen Jugendlichen
fehlt meist das historische Wissen um den
Holocaust und seine Folgen. Daher ist ihre
Kritik an Israel unbelastet von der besonderen
Zurückhaltung, wie sie in Deutschland und
Österreich zur Norm geworden ist.
Menasse: Wenn die
muslimischen Jugendlichen jetzt wegen Israel
eine Aversion gegenüber Juden entwickeln, dann
haben sie leider so wenig verstanden, dass es
traurig ist. Diese Frage muss all jene
beschäftigen, die die Aufgabe haben, diese Kids
zu integrieren: Das betrifft zum einen die
verantwortlichen Politiker, zum anderen aber
sicher auch die vielen islamischen
Religionslehrer, die den Jugendlichen
Orientierung geben sollten. Es braucht ein
Auffangnetz, und das ist in Wien leider nicht
gut geknüpft.
Al-Rawi: Die
Aufklärung über den Holocaust geschieht, bei der
Ausbildung unserer Religionspädagogen ist der
Besuch einer Synagoge ein Fixpunkt. Und die
meisten Jugendlichen wissen durch die Schule
durchaus über den Holocaust Bescheid.
Grundsätzlich glaube ich nicht, dass Juden die
wachsende Zahl muslimischer Einwanderer
beunruhigt. Juden und Muslime sind bei vielen
Fragen gemeinsam auf die Barrikaden gegangen,
und es war Ariel Muzicant, der gesagt hat, dass
die anti-islamischen Parolen der
Rechtspopulisten nach ähnlichen Mustern ablaufen
wie die antisemitische Hetze der 30er.
Menasse: Ich
stimme Ihnen bei allem zu, aber es stellt sich
die Frage, wie Sie diese Botschaft an die
unterprivilegierten, frustrierten muslimischen
Jugendlichen bringen, die auf der Suche nach
einfachen Feindbildern sind.
Al-Rawi: Durch
Vorträge in den Vereinen, in den Moscheen. Genau
zu diesem Zweck betreiben wir ja Basisarbeit.
Menasse: Diese
Kids gehen doch nicht zu Vorträgen, die sitzen
in den Parks, genau die müssen Sie aber
erreichen, das ist Ihre ureigenste Aufgabe.
Al-Rawi: Ich
glaube nicht, dass diese Jugendlichen wandelnde
Antisemiten sind, die haben vielmehr das
Problem, wie können sie ihre Ausbildung beenden,
wie bekommen sie dann einen guten Job und so
weiter.
Menasse: Meine
große Sorge ist, dass Jugendliche, die nichts
Konstruktives in sich haben – das betrifft
längst nicht nur Migranten – in einen Sog
geraten und dann plötzlich sagen: "Komm, gehen
wir Juden hauen". Und solche Dinge geschehen –
noch nicht oft, aber sie geschehen.
Al-Rawi: Das ist
ein Horror-Szenario, das Sie hier aufzeigen.
Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass es
unter Hunderttausenden nicht einige solcher
Fälle gibt. Aber ich kann Ihnen versichern, dass
die Aufklärung über die Folgen von
Antisemitismus auch in unserem Interesse liegt.
Ich würde mir aber auch die Bekämpfung von
Islamfeindlichkeit, nicht zuletzt auch in der
jüdischen Gemeinde, wünschen.
Ihr Verhältnis zu
Ariel Muzicant ist erheblich gestört, er fordert
Sie zum Rücktritt auf. Kann der Bruch zur
Islamischen Glaubensgemeinschaft wieder behoben
werden?
Al-Rawi: Ich bin
ehrlich gesagt überrascht über die Vehemenz
dieser wiederholten Attacken, auch der Offene
Brief an IGGiÖ-Präsident Schakfeh hat Grenzen
überschritten. Aber Muzicant ist der Präsident
der Kultusgemeinde, dafür gebührt ihm Respekt
und deshalb werde ich ihn auch nicht
kritisieren. Mein Verhältnis zur jüdischen
Gemeinde ist nicht auf ihn beschränkt. Es gab in
der Vergangenheit das Übereinkommen, dass keiner
den anderen wegen seiner Haltung zu Nahost
kritisiert. Dorthin würde ich gerne wieder
zurück. Der Nahost-Konflikt ist für mich ein
politisches Problem, kein religiöses.
Menasse: Richtig.
Und noch eine Anregung: Meines Wissens nach wird
an Wiener Volksschulen noch immer der Sieg über
die Türken 1683 als zentraler
identitätsstiftender Moment für diese Stadt
vermittelt. Da sitzen dann türkische Buben und
Mädchen und hören, wie wunderbar es war, dass
man damals die Türken besiegt hat. Das wird kaum
dazu beitragen, dass sich diese Menschen hier
heimisch fühlen. Man könnte ja vielleicht
anregen, dass diese Stadt ihre Identität nicht
aus Schlachten, sondern aus ihrer Kultur
bezieht.
Al-Rawi: Das wäre
tatsächlich eine ausgezeichnete Idee.
Quelle:
Wienerzeitung
/
Von
Walter Hämmerle
|