|
Alle ins Boot holen
Ursula Struppe, Leiterin der MA17
für Integration und Diversität, spricht über das
Wiener Integrationskonzept
Wie Zuwanderung gemanagt wird.
Keine Vereine aber Projekte fördern.
"Wiener Zeitung": Laut Wiener
Zuwanderungskommission hat ein Drittel der
Wiener Migrationshintergrund. Das kürzlich
präsentierte Monitoring der Stadt spricht von 44
Prozent. Wie erklärt sich dieser
unterschiedliche Befund?
Ursula Struppe: Die 44 Prozent sind sehr
komplex errechnet.
17 Prozent haben eine fremde
Staatsbürgerschaft und wurden im Ausland
geboren. Elf Prozent wurden im Ausland geboren,
sind aber österreichische Staatsbürger. Drei
Prozent wurden hier geboren und sind keine
österreichischen Staatsbürger. 13 Prozent wurden
in Österreich geboren und haben die
österreichische Staatsbürgerschaft, aber
zumindest ein Elternteil wurde im Ausland
geboren. Diese 13 Prozent machen wohl die
Differenz aus.
Ob ein Drittel oder mehr: Die
Herausforderung an die bisherige
Mehrheitsgesellschaft ist enorm. Mit welchem
Leitbild begegnet die Stadt Wien dieser Aufgabe?
Das Wiener Integrationskonzept
kann man sich als Haus vorstellen. Das Fundament
ist eine Zuwanderung, die klar und transparent
geregelt und an Integrationsmaßnahmen gekoppelt
ist. Darauf sind vier Säulen: Sprache, Bildung
und Beruf, Zusammenleben sowie Messbarkeit. Das
Dach bildet ein Bündnis für Integration und
gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.
Integration ist in der
Öffentlichkeit eher negativ besetzt. Welche
positiven Aspekte fallen Ihnen auf Anhieb ein?
Migration ist eine internationale
Entwicklung und ich halte sie, für eine
europäische Großstadt, für normal. Uns ist an
einem lebendigen Wien gelegen, wo viel durch das
kreative und intellektuelle Potenzial von
Zuwanderern passiert. Wien war immer eine Stadt
der Zuwanderung und hat davon profitiert. Wir
wären furchtbar langweilig, wenn hier nur Meiers
und Müllers leben würden. Klar ist, dass
Zuwanderung nicht nur Potenziale hat, sondern
auch gemanagt werden muss. Ich trete für ein
realistisches Bild ein jenseits von
Multi-Kulti-Romantik. Es gibt Konflikte, die
darf man nicht schönreden.
Bedingt Integration Assimilation?
Manche meinen, dann gäbe es keine Konflikte.
Ich glaube, Personen, die in
mehreren Sprachen oder Kulturen zu Hause sind,
sind auch ein Potenzial für Wien. Und man muss
akzeptieren, wie der Einzelne leben will. Dazu
gehören Sprache, Kultur, Religion. Andererseits
muss es auch okay sein, wenn sich jemand ganz
anpassen will. Es ist falsch, anderen eine
Identität zuzuschreiben.
Wo sind die Schwerpunkte der
Wiener Förderpolitik?
Wir fördern vor allem Maßnahmen,
die neu Zugewanderten das Einleben erleichtern.
Dabei geht es um Sprache, um Berufsorientierung,
Rechtsberatung, das Anerkennen von Abschlüssen.
Grundsätzlich fördert meine Abteilung nicht
alles, was mit Migranten zu tun hat.
Kulturprojekte etwa fallen in die Zuständigkeit
der Kulturabteilung.
Wie hoch ist das jährliche
Förderbudget?
Heuer beträgt es 7,8 Millionen
Euro.
Können Sie hier freihändig über
die Vergabe dieser Mittel entscheiden?
Alles muss vor der Vergabe vom
Gemeinderat genehmigt werden. Nur über kleinere
Projekte mit bis zu 5100 Euro Förderung
entscheiden wir. Im Nachhinein wird dem
Gemeinderat eine Aufstellung der geförderten
Projekte übermittelt.
Wie hoch ist dieser Topf für
Kleinprojekte dotiert? Können Sie ein Beispiel
für ein solches Projekt nennen?
2010 stehen 170.000 Euro zur
Verfügung. Heuer und 2009 haben wir den
Schwerpunkt "Zusammenleben"; es geht darum,
Migranten und Mehrheitsbevölkerung in Kontakt zu
bringen. Ein Projekt in Wien-Brigittenau
betrifft etwa interkulturelle Elternarbeit.
Fördern Sie auch Vereine mit
nationalistischem oder islamistischem
Hintergrund?
Wir fördern grundsätzlich keine
Vereine, finanzieren also keine Infrastruktur
oder Personalkosten, was viele Vereine immer
wieder bedauern. Wir fördern Initiativen,
Einrichtungen und Projekte, die multikulturell
organisiert sind, etwa Beratungsstellen. Wenn es
aber darum geht, Vereinsplattformen zu schaffen
und miteinander zu reden, bemühen wir uns sehr,
alle Vereine um einen Tisch zu versammeln,
welche Ausrichtung sie auch haben. Hier ist es
uns wichtig, dass alle im Boot sind. Auf dieser
Ebene werden aber keine Fördermittel vergeben.
Quelle:
Wienerzeitung /
Von Alexia Weiss |