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Migrationsexperte: „Dann werden sie nicht mehr
an den Rand gedrängt“
Migrationsexperte Heinz Fassmann über die
Nachteile einer Zuwanderungsrealität, die auf
niedrig qualifizierte Arbeitnehmer zugeschnitten
ist.
„Die Presse“: Hat die Wirtschaftskrise
die Zuwanderung eingebremst?
Heinz Fassmann: Wenn die Konjunktur
nachlässt, dann lässt auch die Zuwanderung nach.
Zuwanderer gehen ja ein ökonomisches Risiko ein.
Gerade in Zeiten der Krise vermeiden sie ein
solches Risiko. Auch in Österreich hat sich der
Wandersaldo von einem Jahr auf das andere um 41
Prozent verringert.
Haben wir in Europa also einen flexiblen
Binnenmarkt, der Leute anzieht und sie nach
Bedarf wieder abstößt? Aus Großbritannien
wandern Polen wieder zurück in ihre Heimat, die
kürzlich erst zugewandert sind.
Fassmann: Natürlich sieht man hier die
flexiblen Strukturen des europäischen
Binnenmarkts. Aber wir sehen das Gleiche auch im
nationalen Spektrum. In Zeiten wirtschaftlicher
Blüte gibt es innerhalb Österreichs mehr
Binnenwanderung.
Eine OECD-Studie belegt, dass Zuwanderer als
Erste von einer Wirtschaftskrise betroffen sind.
Sind die flexiblen Migranten gleichzeitig die
Verlierer der aktuellen Krise?
Fassmann: Ich würde das nicht
verallgemeinern. Bei jeder Zuwanderung haben wir
auch hoch qualifizierte Menschen, die in relativ
stabile Arbeitsmärkte hineingehen. Die Mehrheit
der Zuwanderer findet freilich derzeit im
flexiblen Teil des Arbeitsmarkts Aufnahme. Sie
kommen, wenn sie gebraucht werden, und gehen,
wenn sie weniger gebraucht werden. Und das hat
auch mit den dominanten Sektoren zu tun, in
denen diese Menschen beschäftigt sind. Das sind
die Bauwirtschaft, Tourismus, manche
Dienstleistungen – also jene Branchen, die als
Erste konjunkturelle Einbrüche erleben.
Sie sind von Innenministerin Maria Fekter in
ein Expertenteam berufen worden, das sich mit
der Integration von Migranten beschäftigt. Ist
es ein Hinweis auf mangelnde Integration, wenn
Zuwanderer als Erste arbeitslos werden?
Fassmann: Das ist ein Hinweis auf mangelnde
strukturelle Integration. Diese Menschen sind
noch nicht in alle Strukturen der Gesellschaft –
also auch nicht in die Strukturen der Stabilität
– vorgedrungen. Das ist aber auch ein Hinweis
darauf, dass wir eine Zuwanderung haben, die
sich zu stark auf den flexiblen Arbeitsmarkt
konzentriert. Wir wünschen uns hoch
qualifizierte Zuwanderer. Das hätte für eine
Volkswirtschaft Vorteile. Die hohe
Arbeitslosigkeit bei Zuwanderern ist aber ein
Hinweis darauf, dass wir dieses Ziel nicht
erreicht haben.
Da gibt es aber einen Widerspruch: Wir
wünschen uns hoch qualifizierte Zuwanderer,
unsere Wirtschaft zieht aber vor allem
Arbeitskräfte an, die niedrig qualifiziert sind.
Fassmann: Ja, Unternehmen würden ganz gerne
diese Strategie verfolgen. Wir sehen aber, sie
lösen damit einen strukturkonservierenden Effekt
aus. Wenn wir Zuwanderung vor allem im niedrig
qualifizierten Bereich zulassen, sinkt der Druck
auf Kapitalinvestitionen in den Unternehmen. Das
ist eine Gefahr für die Konkurrenzfähigkeit
einer Volkswirtschaft. Hoch qualifizierte
Zuwanderer müssten natürlich besser entlohnt
werden als niedrig qualifizierte. Man hat dann
allerdings die Sicherheit, dass diese Menschen
produktiv und sinnvoll eingesetzt werden.
Und würde das auch die Integration dieser
Menschen erleichtern?
Fassmann: Das kann man annehmen. Mit mehr
Geld können sich diese Menschen den Platz in der
Mitte der Gesellschaft auch leisten und werden
nicht mehr an den Rand gedrängt.
Werden nach dem Ende der Krise wieder mehr
Zuwanderer nach Europa kommen?
Fassmann: Europa ist weiterhin ein
Zuwanderungsraum. Doch das Zeitfenster der
reduzierten Zuwanderung sollte genutzt werden.
Der politische Druck ist zurzeit nicht so stark.
Jetzt sollte deshalb national wie auch
international über eine neue Zuwanderungspolitik
nachgedacht werden.
Welche Eckpunkte wären für eine neue
Zuwanderungspolitik sinnvoll?
Fassmann: Der eine Eckpunkt ist die Blue
Card – also ein attraktives Angebot an
Hochqualifizierte. Das ist sicherlich eine
vernünftige Idee. Außerdem ist es eine gute
Idee, die zirkuläre Migration stärker zu
implementieren. Es geht darum, genau zu
eruieren, wo Arbeitskräfte aktuell benötigt
werden. Und die Arbeitskräfte dürfen von
vornherein nur für eine bestimmte Zeit kommen.
Sie gehen dann wieder zurück in ihre Heimat –
mit mehr Humankapital, weil sie in europäischen
Unternehmen gelernt haben. Aber auch mit
finanziellem Kapital, das ihnen ermöglicht, in
ihren Heimatländern die Wirtschaft anzukurbeln.
Die Polen sind nach Großbritannien gegangen,
jetzt gehen sie wieder zurück. Unterm Strich
bleibt keine ernsthafte gesellschaftspolitische
Auseinandersetzung mit dieser Gruppe. Wenn ich
Zuwanderung in diesem Sinne gestalte, gibt es
keinen großen gesellschaftspolitischen
Verteilungskampf. Der entsteht erst, wenn
Zuwanderer da sind und keine Beschäftigung
haben. Dann stellt sich die Frage, ob wir nicht
die falschen ausgewählt haben.
In Österreich hat man einen anderen
Eindruck: Es geht politisch einzig darum, es
möglichst unattraktiv zu machen, in unser Land
zu kommen.
Fassmann: Das ist nicht anders als in
anderen Ländern. Was ich an der österreichischen
Debatte aber kritisiere, ist, dass wir noch
immer so handeln, als könnten wir national die
Zuwanderung steuern. Wir haben noch nicht zur
Kenntnis genommen, dass wir Teil eines
europäischen Binnenmarkts sind. Wir betrachten
Österreich noch immer als Insel. Und wer auf
diese Insel kommen darf, bestimmen allein wir.
Das ist eine Illusion. Von jährlich 100.000
Zuwanderern sind unterm Strich 92.000 nicht von
der nationalen Politik steuerbar, sondern nur
ein kleiner Teil von fünf bis acht Prozent, die
mit der sogenannten Quote festgelegt werden.
Dieses Bild sollte verändert werden. Damit würde
auch erleichtert, zu einer gemeinsamen
europäischen Lösung zu kommen.
Quelle:
Die Presse
/ VON
WOLFGANG BÖHM
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